Sergej Lukianenko: Wächter des Morgen

Der fünfte Band der „Wächter“-Reihe setzt auf Bewährtes. Die Figuren sind weitgehend bekannt, doch das Universum wird um einen weiteren Aspekt erweitert. Plötzlich gibt es Propheten und den „Tiger“ – ein aus dem Zwielicht erscheinendes Geschöpf, das über unüberwindbare Kräfte verfügt.

Wer dachte, dass ohne den sympathischen Vampir Sauschkin die Geschichten rund um die Tag- und Nachtwache endgültig zu Ende erzählt wären, der irrt sich. Dass Lukianenke dem alten Tausendsassa die Ideen ausgehen kann ohnehin niemand ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Zu viel Freude macht ihm offensichtlich die Lust am Fabulieren und Erfinden. Es wird aber auch zunehmend deutlicher, dass durch die bisher getroffenen Aussagen zur Funktionsweise seiner Fantasiewelt weitere bahnbrechende Neuerungen und Erweiterungen immer einen ganzen Rattenschwanz an Erklärungen nach sich ziehen. Das wirkt manchmal etwas dröge, wird dem geneigten Leser aber wohl aufgrund der (weitgehenden) Stimmigkeit des Gesamtkonstrukts eher zupass kommen.

Bei „Wächter des Morgen“ lernen wir neue Figuren kennen, treffen die alte Bekannte Arina wieder und erfahren Neues über das Zwielicht. Wie gewohnt wird auch viel über das Leben, die Liebe und die Gesellschaft philosophiert. Unter anderem lesen wir über das Verhältnis der „Anderen“ zu den etablierten Religionen. Der Glaube an höhere Mächte wird von diesen nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern es ist „Privatsache“ jedes einzelnen. Das Umgehen mit der in Lukianenkos Universum praktizierten Magie ist ohnehin ein sehr technischer Vorgang und auch die Überzeugungen haben nur teilweise Auswirkungen darauf, ob jemand ein „Lichter“ oder „Dunkler“ ist. Lukianenko macht diese Zugehörigkeit eher am Grad des vorhandenen Egoismus fest, liefert mit dem Chef der Nachtwache aber auch ein wunderbares Beispiel für einen Egomanen als „hohem Lichten“. Interessant zu lesen und eine nette Abwechslung zum Standard-Fantasy-Genre bei dem klassischer Glaube entweder keinen Platz hat oder nur in Form von durchtriebendem Klerus mittelalterlicher Prägung auftaucht. Spannend auch, wenn man Lukianenko in gewisser Weise als Spiegel der russischen Gesellschaft betrachtet, die ja unter kommunistischer Herrschaft streng atheistisch war und auch in dieser Hinsicht seit dem Fall der Sowjetunion einiges nachgeholt hat.

„Wächter des Morgen“ gibt es als Taschenbuch, Kindle-Ausgabe
oder Hörbuch.

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