Wenn Kinder ins Ohr flüstern

Mal wieder ein Gastbeitrag von Rainer E. Debel

Ein persönlich zugesprochenes Wort erfreut die meisten Menschen. Die höchste Form dieser Wertschätzung ist für viele ein geflüstertes Wort. Doch was den meisten Menschen wohlige Schauer freudiger Erregung über den Rücken laufen lässt, versetzt die meisten Eltern (sofern sie ihre Hörfähigkeit noch nicht eingebüßt haben, s. u.) in schiere Panik. Wenn Kindern ankündigen, dass sie einem etwas ins Ohr flüstern wollen, klingt das für Kinder- oder Ahnungslose zunächst einmal „süß“. Die Wahrheit sieht aber so aus:

  • Der Hauch des Todes – oder „Vorahnung ist die schlimmste Ahnung“: Bevor Kinder tatsächlich ihre Botschaft in Worte fassen, müssen sie sich erst einmal ein Herz fassen. Das kann dauern. Da sie während dieser Sammlungsphase (die natürlich direkt vor dem Ohr der Eltern stattfindet) aber immer noch lebende Wesen sind atmen sie. Zum einen atmen sie ein (dabei kommen teils längst vergessene Dinge aus dem elterlichen Ohr in den Mund der lieben Kleinen) und zum anderen atmen sie aus. Mangels anderer Möglichkeiten natürlich in den Gehörgang der vermeintlichen Botschaftsempfänger. Wer jemals ein leises Pieps in einem Tunnel abgesetzt und sich am sich stets verstärkenden Echo erfreut hat, kann vielleicht nachvollziehen was sich dort grauenvolles ereignet.
  • Trocken ist Silber – Spucken ist Gold Es heißt immer, dass Kinder (und übrigens auch alte Menschen) zu wenig trinken würden. Vielleicht stimmt das gar nicht (zumindest bei den Kindern). Vielleicht geht einfach nur zu viel Flüssigkeit beim Sprechen oder – noch genauer – beim Flüstern verloren. Dieser Eindruck mag sich einschleichen, wenn das Ohr nach einer Flüsterattacke trieft wie ein leckes Dach. Bewiesen ist es allerdings noch nicht. Man mag sich aber die dazu notwendigen Versuchsanordnungen gar nicht vorstellen.
  • Und nicht zuletzt: Kinder flüstern nicht: Das Konzept der für unbeteiligte Dritte unhörbaren Botschaft ist dem kindlichen Gemüt bis in ein überraschend hohes Alter fremd. Man kann dies auf noch nicht ausreichend ausgeprägte Empathiefähigkeit, noch nicht durchlittenen Physikunterricht oder mangelnde Lebenserfahrung zurückführen. Die Folge davon ist jedenfalls, dass am Ende einer geflüsterten Botschaft jeder im Raum diese klar und deutlich gehört haben wird außer dem vermeintlich intendierten Empfänger, der von der schieren Lautstärke und den damit verbundenen Schmerzen zu sehr davon abgehalten wurde, die Nachricht als solche wahrzunehmen. Nur Anfänger würden jedoch auf die Frage „Hast du mich verstanden“ mit „Nein“ antworten, denn was dies zur Folge hätte, kann man sich am ehesten als eine Endlosschleife elterlichen Leidens vorstellen.

Wenn also das nächste Mal ein Kind etwas ins Ohr flüstern will, dann ist Vorsicht geboten. Wohl dem, der über Ohropax verfügt oder frühzeitig den Spruch als Familienmotto etablieren konnte „Wer flüstert lügt!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*