Henryk M. Broder: Die Irren von Zion

Als Vorbereitung auf eine Reise nach Israel wurde mir dieses Buch von Henryk M. Broder aus dem Jahr 1999 zugesteckt. Broder schreibt u. a. regelmäßig für den Spiegel und gilt als äußerst schlagfertiger Provokateur, der ordentlich austeilen kann (s. a. „Hurra wir kapitulieren„).

In „Die Irren von Zion“ schildert Broder in kleinen, jeweils in sich abgeschlossenen Berichten und Interviews die Gegensätzlichkeit im Israel der 90er. Wie nicht anders zu erwarten kriegt so ziemlich jede Gruppierung ihr Fett weg – von den radikalen jüdischen Siedlern, über Hamas-Funktionäre, versöhnungswillige oder orthodoxe Rabbis bis hin zu Außenstehenden, die „den ganzen Konflikt sowieso nicht verstehen können, aber immer eine Lösung wissen“. Sehr amüsant zu lesen (wobei man sich manchmal schon sehr wundern muss, was im „Heiligen Land“ so alles blühen kann) und auf jeden Fall informativ. Als gute Ergänzung zu „O Jerusalem“ und „Exodus“ bringt dieses Buch die aktuelle Lage in Israel gut zu Papier. Allerdings leider nur bis zum Jahr 1999 – und seitdem ist schon wieder einiges Wasser den Jordan hinuntergeflossen, sind einige Abkommen getroffen und gebrochen worden, ist Arafat gestorben und die zweite Intifada ausgebrochen (Ganz zu schweigen vom Libanon-Krieg etc.)… Interessant auch zwei Doppelinterviews, die jeweils im Abstand einiger Jahre mit der gleichen Person unter geänderten politischen Rahmenbedingungen entstanden sind.

Geschrieben ist das ganze als ziemlich böse Polemik. Es gibt keine Lösungsansätze, sondern nur bitteren Spott und Hohn für all die verqueren Ideen. Aber das ist wenigstens witzig. Nicht besonders vertrauenserweckend ist, was er über El Al schreibt, deren Service ich ja auch noch testen können werde:

Hat der Reisende einen Flug bei El Al gebucht, geht das Abenteuer gleich an Bord weiter. Riesenwindelpakete, originalverpackte Stereoanlagen und größere Küchengeräte fliegen als Handgepäck mit und wollen in den Fächern über oder unter den Sitzen verstaut sein. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Reise kann man heimkehrende Israelis von normalen Touristen unterscheiden. Die Israelis laufen erst einmal das ganze Flugzeug auf und ab, um zu sehen, ob Bekannte und Nachbarn an Bord sind, bevor sie sich auf Plätze setzen, für die sie keine Bordkarten haben. Anschließend beschweren sie sich darüber, daß sie nicht die Sitze bekommen haben, die sie eigentlich haben wollten. Das El Al Personal schaut dem wilden Treiben untätig zu, als wollte es sich an den Passagieren dafür rächen, daß diese einen El-Al-Flug gebucht haben. „Selber schuld!“ steht in ihren Gesichtern, eine Mischung aus Verachtung und Schadenfreude. Sobald das Flugzeug in der Luft ist, werden sie sich an den Fluggästen schadlos halten. Wer Huhn essen möchte, bekommt Rind; Vegetarier werden mit geräuchertem Fisch bestraft; jedes Getränk muß erbettelt oder in der Bordküche geholt werden. Flanierende Raucher sogen dafür, daß der Rauch sich gelichmäßig im Raum ausbreitet. Beschwerden von Nichtrauchern werden wie Briefe an den Nikolaus behandelt.

Das kann ja heiter werden 🙂

„Die Irren von Zion“ gibt es als Taschenbuch und als Gebundene Ausgabe (wobei letztere gebraucht günstiger sein kann, als ein neues Taschenbuch…

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