Volker Skierka: Fidel Castro

Wenn man nach Kuba fährt, muss man sich auch über das Phänomen Fidel Castro informieren dachte ich mir. Auf der Suche nach einer Biografie gab es die spannende Entdeckung, dass praktisch nur eine von einem Deutschen geschriebene Biografie gibt. Ansonsten wird der Markt von US-amerikanischen Autoren beherrscht. Gerade bei diesem Thema eigentlich eher ungünstig. Die Erstausgabe von Volker Skierkas Biografie ist auch noch relativ aktuell (2000) und so schlug ich zu.

Aus meiner Sicht durchgängig relativ neutral schildert Skierka kurz die Jugend des „Maximo Lider“ und seine Revolution ein. Die restlichen 400 der 500 Seiten sind jedoch der Zeit nach der Revolution gewidmet. Es wird deutlich wie Kuba sich zwischen Ost und West positioniert (mit deutlicher Schlagseite in Richtung Moskau, ohne dessen massive Finanzhilfe es von Anfang an kaum überlebensfähig war), wie Castro es schafft länger an der Macht zu bleiben als diverste US-amerikanische Präsidenten und wie er es nach dem Zusammenbruch von DDR und Sowjet-Union durch einen bis an die Grenze gehenden Sparkurs schafft wirtschaftlich unabhängig zu werden. Sowohl seine Rolle im Kampf zwischen den Großmächten (im Rahmen der Kuba-Kriese schrieb er dem sowjetischen Präsidenten einen Brief, den man nur so interpretieren kann, dass er ihm einen nuklearen Erstschlag nahe legte), als auch die Rolle der USA (die ihn jahrelang erfolglos versuchten umzubringen und die ihn mit deutlich rigideren Wirtschaftssanktionen als gegen den Irak oder Iran von Anfang an loswerden wollten) kommen zur Sprache.

Überhaupt Castro und die USA: Das Buch fängt mit einem Glückwunsch-Brief des 12 (oder 14) jährigen Castro an, der Franklin D. Roosevelt zur Wiederwahl gratuliert. Eine echte Ironie der Geschichte! Ebenso die Tatsache, dass der junge Castro ein Angebot für einen Profivertrag bei den New York Yankees ausgeschlagen hat. Das Leben vieler wäre sicher ganz anders verlaufen…

Beinahe genüsslich zeigt Skierka die ständige (Weiter-)Enwicklung Castros auf, der „sein“ Kuba mit eiserner Hand regiert, bis heute keinen legitimen Nachfolger (außer seinem 10 Jahre jüngeren Bruder) aufgebaut hat und ein Meister der dialektischen Auslegung anderer (und seiner selbst) ist. Widersprüche – die muss man nur lange genug interpretieren, bis es wieder für Fidel passt. Auch das Verhältnis zu Ernesto „Che“ Guevara wird thematisiert. Dieser verfolgt heutige Kuba-Reisende auf Schritt und Tritt. Wäre er länger am Leben geblieben, wäre die im Buch angedeutete ideologische Diskrepanz zwischen dem „Realpolitiker“ Castro und dem Hardcore-Ideologen Guevara sicher noch deutlicher hervorgetreten und es ist fraglich ob er dann ebenfalls noch die ihm derzeit entgegengebrachte massive Anerkennung genossen hätte oder den schicksalhaften Weg anderer „neben“ Castro gefolgt wäre.

Zur Sprache kommen einerseits die massiven Einschränkungen und Einschüchterungen unter denen Kubaner zu leiden haben. Diese werden jedoch meist nur angedeutet. Andererseits wird auch die massive Wirtschaftsblockade durch die USA kritisiert. Diese geht so weit, dass ein vom Autor des Buchs per UPS in Deutschland an die kubanische Botschaft zu versendender Brief mit dem Vermerk „Embargo“ nicht zugestellt wurde. Das sog. Helms-Burton-Gesetz beschneidet dabei auch die Rechte von europäischen Firmen und wurde von der UN-Vollversammlung mit 163:7 Stimmen verurteilt, aber von den USA nicht zurückgenommen.

Eher schwach fällt leider das Kapitel „Castro, Gott und der Papst“ aus. Die im Vorfeld nur sehr kurz erwähnten massiven Behinderungen von Christen (sie dürfen bis 1992 nicht in die Partei eintreten, erhalten oft aus religiösen Gründen keine Genehmigung zu studieren und werden auch sonst massiv diskriminiert) werden relativ leicht abgetan. Castros angebliche Annäherung an die Christen wird einzig und allein mit einem sich langsam verbessernden Verhältnis zur katholischen Kirche begründet. Andere christliche Konfessionen oder gar Freikirchen? Kein Wort darüber. Hat wohl auch wenig Sinn, wenn Castro bekennt: „Was wir verlangten, war die vollkommene und vollständige Zustimmung zum Marxismus-Leninismus.“ (s. 448). Ähnlich wie in der DDR wurde hier offensichtlich die soziale Sprenkraft erkannt, die in Christen steckt, das sich nicht nur mit dem privaten Zelebrieren von Riten begnügen, sondern deren Leben davon durchdrungen ist.

Obwohl das Buch erst 7 Jahre alt, haben sich schon wieder einige Dinge geändert: Der Dollar als Zahlungsmittel ist wieder verboten, die Amtsgeschäfte hat mittlerweile Raul Castro übernommen und auch sonst ist vieles im Umbruch. Trotzdem eine gute Lektüre über Fidels Kuba.

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