Interview mit einem Engel

Der folgende Text entstand als Idee für einen Beitrag zu einem Adventskalender.

Zum leichteren Lesen auch als PDF verfügbar:

Und dank Tontechniker Jonas von www.schilderspass.de gibt es sogar eine Audio Version:

Heaven Talk“ am 18. Dezember

„Heute haben wir einen besonderen Studiogast hier bei „Heaven Talk“ – einem waschechten Engel! Ihren echten Namen dürfen Sie uns ja nicht verraten, oder?“

„Das ist richtig. Mein Name tut auch nichts zur Sache. Nennen Sie mich doch einfach Angel 18“.

„Das ist doch mal eine Ansage! Klingt ein bisschen wie Agent 007. Absicht?“

„Nein.“

„Aha, verstehe. Der gesprächigste sind Sie wohl nicht.“

„Nur dann, wenn meine Aufgabe es erfordert. Dann kann ich auch charmant und überzeugend sein. Wobei – überzeugend sind meine Kollegen und ich eigentlich immer. Ich kann mich zumindest an keine Situation erinnern in der unsere Botschaft nicht ankam. Wenn Sie verstehen was ich meine.“

„Noch besser würde ich es verstehen, wenn Sie ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern würden…“

„Sie verstehen sicher, dass ich nur autorisiert bin über Missionen zu sprechen, sofern und soweit diese für die Öffentlichkeit freigegeben wurden. Die entsprechenden Berichte liegen Ihnen ja vor.“

„Darauf kommen wir sicher später noch zurück und hoffen, ein paar mehr Details von Ihnen zu erfahren. Vielleicht können Sie uns bis dahin kurz erläutern, was Ihre häufigsten Missionsziele sind?“

„Mein Dienst deckt das ganze Portfolio ab, das benötigt wird. Sehr häufig geht es um das unmissverständliche Überbringen von Botschaften. Manchmal sind das nur bessere Postboten-Jobs1. Aber sogar da waren über die Zeit schon einige Highlights dabei. Auch wenn die Botschaften meist Face to Face überbracht werden, gelangt später oft einiges darüber nach außen.“

„Wird da nicht manchmal auch etwas dick aufgetragen im Nachhinein?“

„Im großen und ganzen passt es schon. Wir beherrschen ja sowohl die leisen Töne, als auch die spektakulären Auftritte2. Alles eine Frage davon, was gerade gebraucht wird.“

„Mit der Überbringung einer wichtigen Botschaft haben es manche Ihrer Kollegen auch durchaus zu einem Namen gebracht3, obwohl Sie ja sonst eher ohne erkennbare Kennzeichnung agieren. Sind alle Aufgaben so karriereförderlich?“

„Tolle Namen haben wir alle4. Weniger beliebte Jobs sind zum Beispiel Wachdienste. Da steht man schon mal sehr, sehr lange mit gezogener Waffe einfach nur da5 und macht seinen Standpunkt ohne große Worte klar.“

„Gab es auch Fehlschläge?“

„Naja, der Missionserfolg hängt nicht immer nur von mir und meinen Kolleg*innen ab. Wenn z. B. bei einer Evakuierungsmission nicht auf uns gehört wird, dann kann das dazu führen, dass nicht alle das Ziel erreichen. Ein Blick zurück kann im falschen Moment schon zu viel sein6. Tja und manchmal droht man auch über die Strenge zu schlagen7…“

„Was gehört noch zu Ihrem Aufgabengebiet?“

„Aufklärungsmissionen und Geleitschutz8 kommen häufig vor. Manchmal müssen wir auch in heftige Kampfeinsätze9. Das sind dann die weniger schönen Momente, selbst wenn es für einen guten Zweck ist10.“ (Stimme wird leicht brüchig)

„Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen regulären Engeln, Erzengeln11 und Cherubim12?“

„Sehr gut.“ (grinst)

„Sie wissen schon, dass die Frage anders gemeint war, oder?“

„Ja.“ (grinst noch breiter)

„OK. Ich sehe, hier kommen wir nicht weiter. Probieren wir es einmal anders: Was halten Sie von der Darstellung Ihres Dienstes in der Popkultur?“

„Welche meinen Sie – die verniedlichende Variante, die heroisierende Variante oder die Variante wo wir uns aufführen wie ein paar Trottel?“

„Eigentlich meinte ich die Variante, wo Sie ständig fluchen und blöde Witze reißen. Es gibt da diesen tollen Film mit Matt Damon…“

(Angel 18 lässt seinen Blick auf dem Interviewer ruhen. Dieser wird blitzartig still.)

„… äh und was halten Sie jetzt davon?“

(Angel 18 blickt noch etwas intensiver auf den Interviewer)

„Nun gut. Wechseln wir doch einfach das Thema.“

„Eine sehr gute Idee. Sogar die Bourne-Trilogie hat mehr Gemeinsamkeit mit echter CIA-Arbeit als alle Filme über uns mit dem echten Job.“

„Wie ist eigentlich das Verhältnis zu Ihrem obersten Dienstherren? Sind Sie über alles im Bilde?“

„Wir haben natürlich schon einen besonders intensiven Zugang zum Chef13, aber alles erzählt er uns auch nicht14. Ist vielleicht auch besser so, denn es gibt ja immer mal wieder schwarze Schafe, sogar in unserer Truppe15.“

„Gibt es Einsätze, die für Sie besonders waren und an die Sie immer wieder gerne zurückdenken?“

„Da gibt es natürlich einige. Manche sind besonders spektakulär aufgrund des Settings16, andere sind einfach nur ganz großes Kino17.“

„Was halten Sie denn vom immer wieder aufflammenden Engelskult? Also Engelrufer-Ringe, Postkarten mit Engelmotiven und -sprüchen, Engelsgebete, Engelsrituale etc.“

„Lächerlich, lächerlich, blasphemisch, blasphemisch. In dieser Reihenfolge. Sich einen Engelsring anzuziehen ist noch lächerlicher, als sich ein KGB-T-Shirt zu kaufen.“

„Also – um klare Worte sind Sie ja nicht verlegen,oder?“

„Nein, das gehört nunmal zu meinem Wesen.“

„Guter Punkt – wie wird man denn eigentlich Engel?“

„Also wenn Sie ganz brav waren und in den Himmel kommen, dann können Sie danach als Engel…“

(unterbricht ihn)

„Echt jetzt?“

„Nein. Natürlich nicht.“

„Und gibt es noch eine echte Antwort?“

„Klar. In guter jüdischer Tradition mit einer Gegenfrage: Wie wird man ein Mensch?“

„Also als Mensch wird man gezeugt und geboren.“

„Touché. Ich ziehe meine Frage zurück. Die Analogie geht zu weit. Ich wollte eigentlich mehr darauf hinaus, dass man seine Existenz als Engel beginnt.“

„Aber es gibt doch auch Andeutungen, dass die Engel und die Menschenfrauen18…“

„Ein häufiges Missverständnis. Denken Sie besser nicht zu lange darüber nach. Erzeugt nur Knoten im Gehirn. Ich kenne da ein paar hässliche Fälle. Ich halte das für Ammenmärchen, denn das passt eigentlich nicht zu unserem Wesen19. Wir sind viel zu sehr auf unseren Dienst fokussiert.“

„Vielen Dank schon mal für diese spannenden Einblicke. Eine Frage hätte ich aber zum Schluss schon noch.“

„Da bin ich ja mal gespannt.“

„Also – in vielen Geschichten liegt sowohl das Auftauchen, als auch das Verschwinden Ihrer Kolleg*innen sehr im Nebel. Ich meine – jetzt mal ehrlich: Das muss einem doch auffallen, wenn derjenige mit dem man gerade spricht, plötzlich verschwindet. Das kann einem doch nicht entgehen!

… äh …. Hallo?… Oh Nein! Jetzt ist es mir auch passiert.

Das war es dann wohl für unsere heutige Sendung von ‚Haven Talk‘. Schalten Sie auch beim nächsten Mal wieder ein!“

Referenzen

1 vgl. Offb 1,1

2 vgl. 2Mo 3,2

3 vgl. Luk 1,26

4 vgl. Ri 13,18

5 vgl. 1Mo 3,24

6 vgl. 1Mo 19,15

7 vgl. 2.Samuel 24,16

8 vgl. 2Mo 14,19

9 vgl. Ps 78,49

10 vgl. Jes 37,36

11 vgl. Jud 1,9

12 vgl. 1.Mose 3,24

13 vgl. Mt 18,10-11

14 vgl. Mt 24,36

15 vgl. 2Petr 2,4

16 vgl. Dan 6,23

17 vgl. Luk 2,13

18 vgl. 1Mo 6,4

19 vgl. Mk 12,25

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