Interview mit Titus Müller zu „Die Siedler von Vulgata“

Durch Vermittlung von Justus Hotte von der Alpha-Buchhandlung Gießen habe ich die Gelegenheit erhalten, ein Online-Interview mit Titus Müller (s. Besprechung zu „Die Siedler von Vulgata„) zu führen:

www.endlich-nerd.de (EN): Hallo Herr Müller, Ich habe vor kurzem Ihren Roman „Die Siedler von Vulgata“ verschlungen. Ich fand ihn sowohl spannend, als auch angenehm zu Lesen und zum Nachdenken anregend. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, statt einem historischen Roman ein Buch über Außerirdische zu verfassen? Glauben Sie selbst an außerirdisches Leben/außerirdische Intelligenz oder ist dies nur ein fantastischer Kontext für Ihr Buch?

Titus Müller (TM): Hallo Herr de West. Was für ein schöner Name! Zum Sciencefiction-Roman kam es durch eine Begegnung mit Klaus Frick, dem Chef der größten Weltraumserie der Welt: Perry Rhodan. Er fragte mich, ob ich als Gastautor einen Roman für die Serie schreiben würde, und ich hatte Lust darauf, mal „Urlaub in der Zukunft“ zu machen. Dieser Roman bildet nun den ersten Teil der „Siedler von Vulgata“. Ob ich selbst an außerirdisches Leben glaube? Selbstverständlich! Gott ist ein Außerirdischer. Die Engel genauso. Außerdem werden in der Bibel im Buch Hesekiel derart seltsame Geschöpfe beschrieben, daß ich keine Zweifel daran habe, daß Gott beim Erschaffen des intelligenten Lebens anderswo genauso kreativ war wie bei unserer irdischen Schöpfung.

EN: Sie wurden für Ihr Buch mit dem C.S.-Lewis Preis ausgezeichnet. Durch die Verbindung von philosophisch-christlichen Inhalten mit Science Fiction drängt sich eine Parallele zur Perelandra-Trilogie ja geradezu auf. War diese für Sie eine Inspirationsquelle und was hat Sie daran besonders beeindruckt?

TM: Es ist etliche Jahre her, daß ich die Perelandra-Trilogie gelesen habe. Aber ich erinnere mich, daß ich bis tief in die Nacht nicht aufhören konnte zu lesen, so gefesselt war ich, vor allem vom dritten Band. Ob mich die Romane beeinflußt haben? Sicher. C.S. Lewis schildert beispielsweise die Engel – er nennt sie Eldila – konsequent als ehrfurchtgebietende, fremdartig schöne Lebewesen. Sie sind bei ihm Außerirdische, nicht dreijährige Menschen mit Taubenflügelchen. Ich bin überzeugt davon, daß er der Realität nähergekommen ist als die meisten Kirchengemälde.

EN: Ihr Buch ist voller Verweise auf biblische Geschichten und auch der Blickwinkel der Hauptfigur ist ein spezifisch christlicher. Glauben Sie,
dass man das Buch ohne Bibelkenntnisse „verstehen“ kann?

TM: Ich habe nach dem Erscheinen der „Die Siedler von Vulgata“ ungewöhnlich viel Leserpost bekommen, mitunter Dutzende Mails und Briefe am Tag. Deshalb kann ich mit Überzeugung sagen: Die Leser haben den Roman verstanden, ob sie nun Christen waren oder nicht.

EN: In vielen Bereichen der Handlung scheinen die jüdischen Urväter und die Richter-Erzählungen der Bibel Pate gestanden zu haben. Sehen Sie diese Parallelen und waren sie beabsichtigt?

TM: Da müßten Sie konkreter sagen, was Sie meinen. Ich vermute, daß vieles unbewußt hineingekommen ist. Ich habe beim Schreiben nicht überlegt: Was könnte ich mal noch aus der Bibel übernehmen? Meine Grundfrage war vielmehr, was nach etlichen Jahrhunderten aus der Kirche werden könnte, und wie sie zu ihren Ursprüngen zurückfinden kann.

EN: Im Umgang mit dem Alten Testament stellt sich oft die Frage nach (Feindes-)Liebe und (Staats-)Gewalt. Wie lösen Sie für sich diesen
Konfliktbereich? Wie ordnen Sie die verschiedenen im Buch dargestellten Konzepte ein?

TM: Feindesliebe ist ein Thema im Roman. Das andere ist für mich aber nicht die Staatsgewalt, sondern Darwins Grundsatz des „Survival of the fittest“. Die Galchinen leben in ihrer Gesellschaft streng nach dem Grundsatz, daß der Stärkere im Recht ist. Schon nach dem Schlüpfen töten sich die jungen Galchinen gegenseitig, bis nur noch die Stärksten überleben. Sie empfinden das nicht als falsch – es ist für sie logisches und richtiges Verhalten. Ich wollte hier zwei Dinge erreichen: Zum einen wollte ich den Lesern zeigen, wo wir landen, wenn wir unsere Gesellschaft immer weiter nach Darwin ausrichten („Der ist zu dumm zum Arbeiten? Selbst schuld.“). Ich glaube nicht, daß viele diese Weltanschauung bis zu Ende denken. Evolutionsgläubige müßten ja eigentlich jubeln, wenn eine Tierart ausstirbt, weil wir uns als die Stärkeren erwiesen haben. „Juchhu, wir haben die Geparden verdrängt!“ Zum anderen wollte ich für mich selbst ausprobieren, was geschieht, wenn die zwei Konzepte aufeinanderprallen und es zum Kampf kommt. Kann die Feindesliebe gegen eine kriegerische, harte Gesellschaft bestehen? Das Ergebnis ist nicht so einfach und schmerzfrei gewesen, wie ich zunächst erhofft hatte.

EN: Was war für Sie die größere Herausforderung beim Verfassen des Buches – die Entwicklung des Plot, das Einarbeiten philosophischer/christlicher Themen oder die sprachliche Realisierung?

TM: Beim Plot hatte ich Schwierigkeiten, weil die lange Rückblende zu Beginn keine Cliffhanger ermöglicht. Andererseits sollten aber gleich die Außerirdischen auftreten. Ich mußte hier plottechnisch einen Kompromiß schließen.

EN: Im Buch werden ja viele verschiedene Themen angesprochen: Feindesliebe, aus dem Ruder geratene religiöse Traditionen, Technikfeindlichkeit, die Vereinbarkeit einer liebevollen Partnerschaft mit einer exponierten gesellschaftlichen Stellung und Vergebung, um nur einige zu nennen. Gibt es eine Hauptaussage, die Sie den Lesern des Buches vermitteln möchten oder verstehen Sie sich mehr als Denkanreger, der die Leser auf bestimmte Gedankengänge stoßen möchte?

TM: In erster Linie erzähle ich eine Geschichte. Das ist ja kein Unterricht, sondern eine Art Zeitreise, ein Vergnügen. Daß ich zum Nachdenken anregen will, steht außer Frage, aber ich möchte die Geschichte nicht auf eine Hauptaussage reduzieren. Am liebsten ist es mir, wenn jeder Leser selbst auf die Suche geht und seine eigenen Schlüsse zieht.

EN: Die Endphase des Romans wirkte auf mich ein wenig abrupt. Gab es eine längere Fassung der Geschichte?

TM: Nein. Ich bedaure, daß Ihnen das Ende zu plötzlich kam. Romanenden sind die schwierigste Aufgabe im Autorenberuf, glaube ich.

EN: Der C.S.Lewis-Preis bestand ja zu einem großen Teil in einer kreativen Zeit auf der Isle of Wight. Wofür haben Sie ihn genutzt und
was dürfen wir literarisch in Zukunft von Ihnen erwarten?

TM: Auf der Isle of Wight habe ich neben herrlichen Spaziergängen am Meer an einem neuen historischen Roman geschrieben. Darin geht es um einen Mann, der verzweifelt versucht, gut genug zu sein, um Gott zu gefallen. Und um den Kaiser, eine junge Frau, und jemanden, der bereits in einem berühmten historischen Roman die Hauptrolle spielt.

EN: Vielen Dank für das Interview.

TM: Gern geschehen!

Wer mehr über Titus Müller erfahren möchte, besucht am besten seine Webseite www.titusmueller.de!

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